04.01.2010 12:33 Uhr

Tibet / VR China: 10. Jahrestag der Flucht des 17. Karmapa nach Indien

IGFM: Menschenrechtsverletzungen in Tibet nicht ignorieren



Ogyen Trinley Dorje, "Seine Heiligkeit der 17. Gyalwang Karmapa Lama" - vor 10 Jahren aus dem von China besetzten Tibet geflohen. Bild: hokai.info


Frankfurt am Main  (4. Januar 2010) – Vor zehn Jahren, am 5. Januar 2000, traf der 1985 geborene und noch jugendliche Karmapa, das geistige Oberhaupt der wichtigen Karma Kagyu Schule des tibetischen Buddhismus, im indischen Dharamsala ein, dem Sitz der tibetischen Exil-Regierung. Aus diesem Anlass rief die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) auf, die anhaltenden schweren Menschenrechtsverletzungen der chinesischen Behörden in Tibet nicht zu ignorieren. Seit der Flucht des Karmapa befinden sich zwei der drei wichtigsten tibetischen Würdenträger im Ausland. Viele Buddhisten sehen in dem heute 24jährigen Karmapa den de facto Nachfolger des inzwischen 74jährigen Dalai Lama.

Die IGFM-Vorstandssprecher Martin Lessenthin betonte, dass die {$styles.content.links.wrap}Volksrepublik China zahlreiche Arbeitslager in Tibet eingerichtet hat, in denen Tibeter aus politischen Gründen als Arbeitssklaven ausgebeutet würden. Das kulturelle und religiöse Leben der Tibeter sei immens eingeschränkt, die Unzufriedenheit der einheimischen Bevölkerung werde durch die starke Präsenz chinesischer Truppen zum Schweigen gebracht.

Ogyen Trinley Dorje, der offiziell mit "Seine Heiligkeit der 17. Gyalwang Karmapa Lama" angesprochen wird, war vor seiner Flucht nicht nur vom Dalai Lama, sondern auch von den chinesischen Behörden als Reinkarnation des 16. Karmapa Lamas anerkannt. Nach Ansicht der IGFM hatten die chinesischen Behörden versucht, sich den Jungen in Tibet als abhängigen Verbündeten gegen den Dalai Lama heranzuziehen.

Manipulation der tibetischen Gesellschaft

Anders als nach dem Überfall und der Annexion Tibets 1951 angekündigt, versucht die chinesische Regierung seit rund 50 Jahren ihren absoluten Machtanspruch durchzusetzen und die Grundpfeiler der tibetischen Kultur zu erodieren. Die tibetische Gesellschaft ist stark an religiösen Traditionen ausgerichtet. Eine besondere Rolle spielen dabei Lamas, religiöse Lehrer, die wichtige Ämter bekleiden und deren Rolle sich darauf gründet, dass sie von tibetischen Mönchen als wiedergeborene buddhistische Würdenträger erkannt werden. Die chinesische Regierung weiß um die Schlüsselfunktion dieser "wiedergeborenen" Lamas auf allen Gesellschaftsebenen und versucht deswegen, den Auswahlprozess in ihrem Sinne zu beeinflussen.

Nach seiner Flucht nach Indien beklagte der Karmapa in einem Brief an den indischen Premierminister Atal Bihari die mangelnde religiöse Freiheit in Tibet. Als Grund für die Flucht gab er an, dass die kommunistische Partei ihm verboten habe, von seinen wichtigsten religiösen Lehrern unterrichtet zu werden.

Unter den drei höchsten Würdenträgern der tibetischen Buddhisten befindet sich lediglich der von Peking berufene 11. Pantschen Lama in Tibet. Er wird aber aufgrund der umstrittenen Umstände seiner Wahl von den Tibetern nicht als legitimer Nachfolger angesehen. Der 1995 vom Dalai Lama als wahrhaftige "Reinkarnation" erkannte damals 6jährige Gendün Chökyi Nyima wurde von der chinesischen Regierung abgelehnt und "verschwand" kurze Zeit später. Sein Schicksal in der VR China bleibt ungeklärt. Der Dalai Lama hatte seine eigene Wahl ohne vorherige Abstimmung mit Peking verkündet und damit seinen Anspruch auf Autonomie bekräftigt. Peking ernannte daraufhin selbst einen Nachfolger.

Seit der Flucht des Karmapa und insbesondere seit den Aufständen im Jahr 2008 stehen die tibetischen Klöster unter verstärkter Kontrolle. Versuche anderer Mönche, ebenfalls nach Indien zu fliehen, sollen dadurch verhindert werden. Die Mönche werden angehalten, ausschließlich chinesische Medien zu nutzen und nicht mit Ausländern zu sprechen. Eine Reihe hochrangiger tibetischer Mönche wird von den chinesischen Behörden in Gefangenschaft gehalten.

Einheit des tibetischen Buddhismus in Gefahr

Unter den Versuchen Pekings, höhere Inkarnationen im tibetischen Buddhismus zu kontrollieren, ist das "Verschwinden" des eigentlichen 11. Pantschen Lama der offensichtlichste. Die zunehmende Durchdringung von Auswahlgremien mit KP-treuen Lamas könnte in der Zukunft allerdings größere Kreise ziehen. Der Dalai Lama, der mittlerweile 74 Jahre alt ist und dessen Reinkarnation vermutlich als nächste zu bestimmen ist, scheint diese Entwicklung ebenfalls zu befürchten. 2007 kündigte er an, nicht in der Volksrepublik wiedergeboren zu werden. Außerdem könne er einen Teil seines Bewusstseins schon zu Lebzeiten auf eine Reinkarnation übertragen. Ein von der kommunistischen chinesischen Regierung ausgewählter Dalai Lama fände nach seiner Auffassung nicht die Unterstützung der Tibeter.

Pekings "Management der Reinkarnation lebendiger Buddhas"

Wie systematisch und ernsthaft die chinesische Regierung sich dem Thema widmet, zeigt ein Erlass der "Staatsverwaltung für religiöse Angelegenheiten", der zum 1. September 2007 in Kraft trat. Die 14 Artikel der "Maßnahmen zum Management der Reinkarnation lebendiger Buddhas im tibetischen Buddhismus" bestätigen das bislang inoffizielle Vorgehen der chinesischen Behörden seit den frühen 90ern. Sie unterstellen den gesamten Auswahlprozess staatlichen Organen. Vor allem auf lokaler Ebene ist es China gelungen, viele parteitreue religiöse Würdenträger in Gremien einzusetzen. Diese Entwicklung wird mit einem Netz eigener buddhistischer Institute gefördert. Mit dieser Taktik versucht sich die chinesische Regierung vor dem Vorwurf zu schützen, sie diskriminiere die tibetische Bevölkerung, und kann gleichzeitig ihre Politik ohne größere Misstöne durchsetzen.

 









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