Die Scharia als politische Waffe
Islamische Fundamentalisten in Nigeria
von Emmanuel Franklyne Ogbunwezeh
Das Islamische Dreieck zieht sich von Nordafrika durch die nördlichen Teile von Westafrika bis nach Ostafrika, wo islamische Fundamentalisten danach streben, den ganzen afrikanischen Kontinent mit dem Ziel globaler Dominanz zu "überrennen". Nur vor diesem Hintergrund kann der Kampf von Islamisten um die Einführung der Scharia und damit die Kontrolle über Nigeria verstanden werden.
Nigeria ist ein zentrales und strategisch bedeutendes Land für jeden, der die Kontrolle über die "Schwarze Welt" und den afrikanischen Kontinent erlangen möchte. Mit seinen 145 Millionen Einwohnern ist es das bevölkerungsstärkste und als sechstgrößter Exporteur von Rohöl das reichste Land auf dem Kontinent. Das Militär eine der am besten trainierten und ausgestatteten Armeen von Afrika verleiht demjenigen, der erfolgreich die Führung des Landes übernehmen kann, sofortige Macht. Anscheinend ist es der Plan islamischer Fundamentalisten, die von islamischen Ländern wie Saudi-Arabien und dem Iran finanziert werden, erst Nigeria zu einem islamischen Land zu machen, sodass andere afrikanische Nationen folgen.
Der Rest der Welt muss sich nun der Tatsache und der Gefahr bewusst werden, dass die nächste Generation von Terroristen in jenen für sie abgelegenen Regionen wie den islamischen Gebieten in Afrika brütet.
Scharia und die Seele Nigerias
Nigeria ist zu gleichen Teilen zwischen Christen und Muslimen geteilt. 45 Prozent der Bevölkerung gehören je einer der beiden Religionen an, während traditionelle afrikanische Naturgläubige zehn Prozent der Bevölkerung ausmachen. Dieses Land war eine Militärdiktatur, in der Islamisten eine dominante Rolle spielten, da sie durch Absprachen mit den Diktatoren eine Machtposition im Norden erhielten. Sie hatten für eine sehr lange Zeit die Kontrolle über das Militär sowie die Polizei und waren im Besitz vieler anderer Schlüsselpositionen in der Regierung.
Der Widerstand gegen ihre Herrschaft wurde hoffnungslos niedergeschlagen. Die nigerianische Währung, Naira, wurde mit arabischen und islamischen Symbolen beschriftet. Ungeachtet der Tatsache, dass mehr als 55 Prozent der Bevölkerung Nicht-Muslime sind, hat die Regierung des Generals Ibrahim Babangida im Jahr 1986 das Land in die Organisation Islamischer Länder (OIC) eingebunden. Immer wieder plünderten und zerstörten radikale Moslems den Besitz von Christen sowie von Nicht-Muslimen und verbrannten Kirchen, ohne dass die Täter je zur Verantwortung gezogen wurden.
Dies war die Situation bis zum 29. Mai 1999, als ein christlicher Präsident gewählt wurde und man zur Demokratie zurückkehrte. Da die Islamisten Angst hatten, ihre Macht zu verlieren, politisierten sie das islamische Rechtssystem der Scharia, um Nigeria für den neuen christlichen Präsidenten regierungsunfähig zu machen. Ahmed Yerima Sahni, der Gouverneur von Zamfara, einem Teilstaat Nigerias, führte in seinem Staat äußerst schnell die Scharia ein, worauf die Gouverneure von zwölf weiteren Staaten im Norden Nigerias innerhalb von wenigen Monaten folgten.
Dies verletzte und verletzt ganz eindeutig die neue nigerianische Verfassung von 1999, die Nigeria zu einem säkularen Staat erklärte. Heute gibt es ernst zu nehmende Bestrebungen, die Scharia auch im christlich geprägten Süden und Westen Nigerias einzuführen.
Scharia und Menschenrechte in Nigeria
Die Einführung des streng islamischen Rechts im Norden Nigerias parallel zur Demokratisierung des Landes in der Zeit zwischen 1999 und 2000 hat einige ethnische und religiöse Spannungen wiederbelebt und intensiviert. So starben durch gewaltsame Zusammenstöße zwischen Christen und Muslimen bis heute mehr als 12.000 Menschen und eine noch größere Zahl ist auf der Flucht.
Terror steht auf der Tagesordnung
Die Welt war schockiert, als sie erfuhr, wie im März 2002 Amina Lawal und Safiya Husseini von einem Scharia-Gericht wegen angeblichen Ehebruchs zum Tode durch Steinigung verurteilt wurden. Diese Art der Gesetze und Strafen verstoßen nicht nur gegen die nigerianische Verfassung, sondern auch gegen internationale Konventionen, die Nigeria verbindlich unterschrieben hat. Außerdem diskriminieren sie Christen wie andere Nicht-Muslime, die gegen ihren Willen diesen Gesetzen unterworfen werden. Auch viele moderate Muslime lehnen dieses "Recht" enschieden ab.
Spirale der Gewalt
Der Trend zur Gewalt nahm im März 2004 eine neue Wende, als sich christliche Militärs des Tarok Stammes von Yelwa Shendam in Jos, einem nigerianischen Plateau-Staat, zum ersten Mal für die islamistischen Angriffe rächten und mindestens 67 Muslime töteten. Dies war eine Vergeltung für 48 Christen, die im Februar zuvor in einer Kirche eingesperrt und verbrannt worden waren. Dieses Ereignis löste einen Teufelskreis weiterer Vergeltungsschläge gegen Christen und Muslime aus, die den gesamten Norden des Landes überschatteten. Auf beiden Seiten gab es viele Tote, viele Kirchen sind bis auf den Grund abgebrannt worden und viele der vor allem christlichen Flüchtlinge, denen die Rückkehr zu ihren Häusern in den Orten der Unruhen verwehrt wird, befinden sich seit den Kämpfen im Mai 2004 immer noch auf der Flucht oder in Polizeigewahrsam.
Diskriminierung von Frauen
Das Rechtssystem der Scharia diskriminiert vor allem Frauen und sieht inhumane, barbarische Strafen wie Steinigung, Amputation von Gliedmaßen und Prügel für Vergehen vor, die das nigerianische Strafrecht noch nicht einmal als Verbrechen ansieht. Seit der Einführung der Scharia sind acht Personen zum Tode durch Steinigung verurteilt worden: ein Mann, Yunusu Rafin Chiyawa, und sieben Frauen. Bis jetzt wurde noch keines der Urteile vollstreckt.
Internationale Kampagnen waren erfolgreich
Die Verurteilung von Amina Lawal und Safiya Husseini hat einen Aufschrei von Menschenrechtsorganisationen wie der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte und Amnesty International hervorgerufen. Diese haben u.a. durch Unterschriftenkampagnen viel Druck auf die nigerianische Regierung ausgeübt und sicher auch ihren Teil dazu beigetragen, dass beide Frauen letzten Endes freigesprochen worden sind. Dennoch werden nach wie vor Steinigungsurteile ausgesprochen, wogegen weiterhin vehement protestiert werden muss.
Am 5. Oktober 2004 wurde Hajara Ibrahim wegen Ehebruchs von einem Scharia-Gericht in der Stadt Lere im nigerianischen Staat Bauchi zum Tode verurteilt. Ein anderes Gericht urteilte ebenso grausam über Daso Adamu am 15. September 2004. Während das Urteil über Hajara Ibrahim am 10. November 2004 aufgehoben wurde, ist das Schicksal von Daso Adamu immer noch ungewiss, da das Berufungsverfahren noch läuft.
Journalistin muss sich verstecken
Die Journalistin Isioma Daniels, die für die "Thisday Newspaper" arbeitet, befindet sich derzeit in einem geheimen Versteck aus Angst um ihr Leben. Sie hatte anlässlich der geplanten Miss World Schönheitswahl einen Artikel geschrieben, in dem sie Muslime kritisiert, weil diese dagegen protestiert hatten, dass Nigeria Gastgeber des Wettbewerbs werden sollte. Der Veröffentlichung des Artikels folgten Unruhen, angestiftet von islamistischen Extremisten, bei denen Menschen ums Leben kamen und öffentliches wie privates Eigentum zerstört wurde. Die Polizei konnte die Unruhen nicht unter Kontrolle halten, und sogar Polizisten schlossen sich im Norden Nigerias den islamistischen Angreifern an. Alle diese Frauen brauchen dringend die Unterstützung der internationalen Gemeinschaft. Solange die Scharia noch gilt und barbarische Strafen verhängt werden, kann nicht garantiert werden, dass, wenn der internationale Druck nachlässt, diese Urteile nicht doch vollstreckt werden.
Schlusswort
Die Einführung und Interpretation des Scharia-Gesetzes durch islamistische Extremisten diskriminiert zweifelsohne Christen wie Angehörige anderer nichtmuslimischer Religionen. Christen wird Land verwehrt, um sie davon abzuhalten, Kirchen oder andere Gebetsorte zu errichten. Unübersehbar ist außerdem eine strikte Trennung zwischen Mann und Frau: sie dürfen nicht gemeinsam die öffentlichen Verkehrsmittel nutzen, und Frauen müssen die sogenannte islamische Burqa tragen, ein schwarzes Gewand, das ihren gesamten Körper von Kopf bis Fuß bedeckt und lediglich die Augen frei lässt. Der Verkauf und Konsum von Alkohol ist verboten. Gesetze dieser Art gelten allerdings nicht nur für Muslime, sondern auch für Nicht-Muslime, die in diesen, vor allem nördlichen Regionen leben. Dies führt immer wieder zu gewaltsamen Konfrontationen zwischen den religiösen Gruppen, wobei die Polizei gegen Nicht-Muslime besonders hart vorgeht.
Wo die Scharia angewendet wird, müssen Nicht-Muslime, die zudem nicht den "people of the book", also keiner Religion angehören, die sich auf eine heilige Schrift bezieht, entweder zum Islam konvertieren oder um ihr Leben fürchten. Christen wie Juden gehören allerdings einer geschützten Gruppe von Menschen an.
Dies bedeutet, dass sie mehr oder weniger in Ruhe gelassen werden und dafür regelmäßig die sogenannte Jizya, eine Kopfsteuer zahlen und als Erkennungsmerkmal und Zeichen ihrer Minderwertigkeit einen bestimmten Gürteltragen müssen. Ihre religiöse Überzeugung dürfen sie zudem nicht öffentlich kundtun. 2004 haben die Gouverneure der nördlichen Staaten außerdem eine sehr hohe Schulgebühr eingeführt, die nur nichteinheimische, nichtmuslimische Bürger zahlen müssen. Die Regierung Nigerias ist ebenso für ihre Handlungsunfähigkeit und Inkompetenz zu kritisieren. Denn sie hat seit 1999 nichts gegen die islamistischen Aggressionen unternommen und wartet noch immer damit, die Verletzungen der nigerianischen Verfassung vor dem Obersten Gericht anzufechten, während die Bürger im eigenen Land weiter drangsaliert werden.
Die gesamte Welt sollte daher niemals einlenken, sondern weiterhin Druck auf die nigerianische Regierung ausüben, ihren Verpflichtungen gegenüber ihren Bürgerinnen und Bürgern nachzukommen sowie jenen gerecht zu werden, die sie sich selbst durch die verbindliche Anerkennung internationaler Menschenrechtskonventionen auferlegt hat.
Eine Gleichberechtigung zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen sowie zwischen Mann und Frau muss unbedingt hergestellt werden, ansonsten droht das Land an der derzeitigen Situation zugrunde zu gehen. Nigeria ist für den gesamten afrikanischen Kontinent und die Kontrolle über diesen sehr wichtig. Deshalb spielt dieses Land auch eine große Rolle bei der Frage nach globaler Sicherheit und verlangt demnach nach globalem Engagement und Handeln.











