"Wo die Sonne nur Ausländern lacht"
Urlaubsparadies und Gefängnisinsel: Die Diktatur hat Kuba fest im Griff
Als sich der dienstälteste Regierungschef der Welt, Kubas kommunistischer Diktator Fidel Castro, im vergangenen Jahr einer schweren Darmoperation unterziehen musste, rechneten viele mit dem Ende einer Ära. Jetzt sieht es aus, als ob der 80-jährige "Maximo Lider" (Größte Führer) noch einmal aufs politische Parkett zurückkehrt. Damit dürften auch die Menschenrechte auf der größten karibischen Insel weiterhin mit Füßen getreten werden. idea-Reporter Marcus Mockler hat vor kurzem Kuba besucht und mit Christen und Dissidenten gesprochen.
von Markus Mockler
IdeaSpektrum Nr. 18, 03.05.2007
|
Kuba gehört schon lange nicht mehr den Kubanern. Wer sich als Tourist an den Stränden von Varadero oder der Provinz Holguin die Sonne auf den Pelz brennen lässt, kann sicher sein, nicht von Einheimischen "belästigt" zu werden. Denen ist der Zugang zu diesen Ferienparadiesen nämlich verboten. Nichts soll die Devisenbringer in ihrer Urlaubslaune stören.
Eine mutige Chirurgin
Auch die medizinische Versorgung des kubanischen Volkes wird seit vielen Jahren zurückgeschraubt, um an harte Dollars zu kommen. Das bekam schon vor 13 Jahren die Hirnchirurgin Hilda Molina zu spüren. Die Katholikin stand früher ganz auf der Seite der kommunistischen Revolution, machte Karriere, leitete ein renommiertes neurologisches Institut, das Patienten aus aller Welt anlockte. Fidel Castro besuchte die Einrichtung eine Zeit lang fast jede Woche. Anfang der 90er Jahre gab die Regierung dann die Order, dass an dem Zentrum nur noch Ausländer gegen Devisen behandelt werden. Drei Jahre lange kämpfte die hochbegabte Leiterin des Instituts gegen diese Vorschrift, die aus ihrer Sicht Verrat an der Revolution und am kubanischen Volk war. Doch sie biss auf Granit. 1994 platzte ihr der Kragen: Sie legte alle Ämter nieder ? die Leitung des neurologischen Instituts, ihren Sitz in der Nationalversammlung und ihren Posten bei der Kommunistischen Partei. Außerdem gab sie sämtliche Orden und Auszeichnungen zurück.
Damit erregte sie den Zorn des alten Revolutionsführers, nach dessen Überzeugung sich niemand von der Revolution verabschieden kann. "Hilda wird dieses Land nie verlassen", soll er gesagt haben. Dabei lebt ihr Sohn mit Frau und zwei Kindern inzwischen in Argentinien ? aber sie darf ihn nicht besuchen. Die heute 64-Jährige ist vor allem mit der Pflege ihrer Mutter (88) beschäftigt, die beiden wohnen in einem düsteren Apartment in Havanna. Hilda Molinas Mutter bräuchte dringend eine bessere medizinische Versorgung, doch die beiden Frauen dürfen die Insel nicht verlassen. Das Land der Revolution ist ihr Gefängnis geworden.
Die dümmsten Parolen
Bei den Linken weltweit genießt Kuba immer noch einen leidlich guten Ruf. Fidel Castro hat sich dem Druck der USA in all den Jahrzehnten nicht gebeugt, hat die medizinische Grundversorgung weiterentwickeln lassen, so dass die Säuglingssterblichkeit immer noch gering und die Lebenserwartung hoch ist. Dass es in dem Land keine Meinungsfreiheit gibt, Dissidenten weggesperrt und gefoltert werden, dass die Wände wie einst in der DDR vollgeschmiert sind mit den dümmsten kommunistischen Parolen ("Revolution bedeutet Gleichheit und volle Freiheiten"), spielt da keine Rolle. Das geht sogar so weit, dass die SPD-nahe Friedrich-Ebert-Stiftung in Havanna offiziell nichts mit Kubas Sozialdemokraten um den Dissidenten Vladimiro Roca zu tun haben möchte, um es sich mit den autoritären Revolutionären nicht zu verscherzen.
Dabei ist Roca einer der umsichtigsten, gebildetsten und konstruktivsten Abweichler im Land. Sein Vater war ein "Held der Revolution", Mitbegründer und Chef der Kommunistischen Partei. Der Sohn ließ sich zum Kampfflieger in der kubanischen Luftwaffe ausbilden. Anfang der 90er Jahre ging Roca allerdings auf Distanz zum Regime. Als er einen kritischen Artikel über die politische und wirtschaftliche Lage Kubas veröffentlichte, kam er für fünf Jahre ins Gefängnis (davon vier Jahre Einzelhaft). Trotz dieser bitteren Erfahrungen hat sich Roca nicht für Terror und bewaffneten Widerstand entschieden, sondern kämpft weiterhin für den friedlichen Wandel. Projekte für die Instandsetzung kaputter Häuser verarmter Kubaner, für den Aufbau von Kleingewerbe und für die Einrichtung von Ombudsmännern in allen Kommunen sollen die Situation den Inselbewohner verbessern.
Von Küste zu Küste: 127 km
Die Regierung macht es sich mit Dissidenten einfach. Mucken sie zu laut auf, werden sie ins Gefängnis gesteckt. Nach Angaben der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM, Frankfurt am Main) gibt es noch über 300 politische Gefangene auf Kuba. Die IGFM kümmert sich seit 30 Jahren um die Opfer von Fidel Castros Politik und schafft insbesondere in Europa eine Gegenöffentlichkeit zur Propaganda aus Havanna. Viele politische Gefangene können nach ihrer Freilassung keine Arbeit mehr bekommen. Um zu überleben, brauchen sie also Hilfe vom Ausland. Wenn sie dann von humanitären Initiativen oder Menschenrechtsorganisationen tatsächlich Unterstützung bekommen, heißt es in der Regierungspropaganda, sie seien von den USA finanziert. Eine Halbwahrheit, denn natürlich helfen viele Exilkubaner, die sich insbesondere in Miami (Florida) angesiedelt haben, auch mit Geld, damit ihre Verwandten überhaupt überleben können.
Vermutlich würde die Insel ohne das viele Geld, das jeden Monat aus dem kapitalistischen Ausland überwiesen wird, wirtschaftlich schnell zusammenbrechen. Und jedes Jahr versuchen Hunderte, in primitiven Booten oder auch nur auf schwimmenden Reifen übers offene Meer in die USA zu kommen. Wie weit es von der Küste Kubas bis zur Küste Floridas sei, fragen wir einen Taxifahrer. "127 Kilometer", antwortet er wie aus der Pistole geschossen. Es scheint eine Zahl zu sein, die jeder Kubaner kennt.
Kirchen im Zwiespalt
Die Kirchen auf Kuba tun sich ? wie in allen Diktaturen ? sehr schwer, ihren Platz in der Gesellschaft zu finden. Natürlich sind sie für die Menschenrechte, aber da es als staatsfeindlich gilt, mit Menschenrechtsorganisationen zusammenzuarbeiten, halten sie sich nach außen sehr bedeckt. Oder sie geben dem Regime wieder nach. So ist es jetzt in der westlichen Provinz Pinar del Rio geschehen. Dort konnte bislang unter dem Schutzmantel der katholischen Diözese das halbwegs kritische Blatt "Vitral" erscheinen, das von Dagoberto Valdés geleitet wird. Jetzt hat der Bischof gewechselt, und der neue hat Valdés die Unterstützung entzogen, um in den Genuss anderer Vergünstigungen zu kommen. Ob das Blatt weiterhin erscheinen kann, ist derzeit völlig ungewiss.
Ist nur jeder Zehnte Christ?
Kuba hat viel weniger Christen, als es die Statistik ausweist. Das jedenfalls meint Reinerio Arce Valentín, Direktor des Evangelischen Theologischen Seminars in Matanzas, eine Autostunde östlich von Havanna. Der Theologe, der in Tübingen bei Prof. Jürgen Moltmann promoviert wurde, schätzt, dass maximal zehn Prozent der 11,2 Millionen Kubaner Christen sind. Zum Vergleich: Der "Fischer Weltalmanach" spricht allein von 54,5 Prozent Katholiken in Kuba. Arce Valentín erklärt es mit der afro-kubanischen synkretistischen Religion "Santería", die im Land dominiert. Dort kann nur mitmachen, wer katholisch getauft ist. Die "Santería", bei der heidnische Götter die Namen katholischer Schutzheiliger bekommen haben und bei der es Ahnenkult und Wahrsagerei gibt, hat mit Christentum aber nichts mehr zu tun. Die Zahl der Protestanten schätzt der Theologieprofessor auf 200.000 bis 300.000 ? Methodisten, Baptisten, Anglikaner, Presbyterianer und in zunehmendem Maß auch Pfingstler.
Das vor über 60 Jahren gegründete Evangelische Theologische Seminar in Matanzas ist die größte protestantische Ausbildungsstätte. Auf dem idyllisch über der Bucht gelegenen Campus wohnen 40 Studenten, an Aus- und Weiterbildung nehmen pro Jahr rund 400 Frauen und Männer teil. Ohne finanzielle Hilfe aus der weltweiten Ökumene wäre das Seminar nicht lebensfähig. Auch aus Deutschland gibt es Unterstützung, etwa vom Evangelischen Missionswerk (EMW), "Brot für die Welt" und dem Berliner Missionswerk.
Drei Pfarrer im Parlament
Die Situation für Christen hat sich nach Angaben von Reinerio Arce Valentín, der vor seiner Wahl zum Seminarleiter dem kubanischen Kirchenrat vorsaß, entspannt. Bis in die 80er Jahre hinein durften Christen nicht studieren und waren auch sonst vom gesellschaftlichen Leben ausgegrenzt. Insbesondere die Protestanten haben sich beim Regime Sympathien erworben ? unter anderem durch eine engagierte diakonische Arbeit. Innerhalb ihrer Gebäude können die Gemeinden veranstalten, was sie wollen. Auch für größere Ereignisse außerhalb der Kirchen gibt es inzwischen Genehmigungen. Heute sitzen drei evangelische Pfarrer in der Nationalversammlung. Das allerdings wird von Dissidenten sehr kritisch gesehen. Sie vermissen die notwendige Abgrenzung und teilweise auch den Widerstand gegen die kommunistische Führung. Unter den Ministern ist übrigens nach wie vor keiner Christ.
Die Christen des Landes ? auch die Evangelikalen ? sind ganz überwiegend unpolitisch. Aber sie werden öffentlicher, und ihre Gemeinden wachsen. Im Telefonbuch von Havanna stehen neun baptistische, drei methodistische, drei pfingstkirchliche und zwei reformierte Gemeinden. Auf dem Kunsthandwerkermarkt in der Altstadt entdecken wir gleich zwei Verkäufer, die mit aufgeschlagener Bibel an ihrem Stand sitzen und die Heilige Schrift studieren. Im Gespräch stellt sich heraus, dass beide einer Pfingstgemeinde angehören.
Mehr protestantisches Engagement für Menschenrechte würde sich etwa die Krankenschwester Elsa Morejon Hernandez wünschen. Die Baptistin ist mit dem Arzt Oscar Elias Biscet verheiratet, dem Gründer und Vorsitzenden der Lawton Stiftung für Menschenrechte. Der bekam wegen seiner Aktivitäten 2003 eine Haftstrafe von 25 Jahren aufgebrummt. Er ist einer der 75, die in jenem Jahr trotz massiver internationaler Proteste aus politischen Gründen weggesperrt wurden. Von den 75 sind heute immer noch 59 hinter Gittern. Im Gefängnis haben sich Oscar Elias Biscets Gesundheitsprobleme verschärft, nach Angaben seiner Frau hat er mehrere Zähne verloren. Von ihrer Gemeinde und der Kirche insgesamt würde sie sich mehr Unterstützung wünschen. "Die Kirchen sagen: 'Wir sind nicht politisch.' Aber ist es wirklich politisch, die grundlegenden Menschenrechte einzufordern?", fragt sie. Inständig bittet sie die Öffentlichkeit, sich für ein Kuba einzusetzen, das die Freiheit und das Lebensrecht seiner Bürger schützt.
Spanien schert aus
Noch ist dieser Schutz nicht gewährleistet. Die europäische Front gegen die kubanische Diktatur bröckelt. Anfang April hat Spaniens Außenminister Miguel Angel Moratinos die Insel besucht und damit nach vier Jahren den Konsens innerhalb der EU gebrochen, Kuba auf höchster diplomatischer Ebene zu schneiden. Entsprechend ist die Visite in Havanna bejubelt worden. Unrühmlich verhalten sich allerdings auch deutsche Bundesländer, allen voran Bayern. Seit Anfang 2006 wurden langfristige Aufträge im Wert von 600 bis 700 Millionen Euro zwischen bayerischen Unternehmen und dem Revolutionsstaat unterzeichnet, berichtete in der vergangenen Woche die "Frankfurter Rundschau". So wird das Embargo gegen die Karibikinsel zunehmend ausgehöhlt.
Fidel Castro hatte seit seiner Darmoperation im vergangenen Juli keinen öffentlichen Auftritt mehr. Vor kurzem meldete er sich allerdings in der Parteizeitung "Granma" mit einem kruden Beitrag über die angeblich ethisch verwerfliche Produktion von Treibstoff aus dem Nahrungsmittel Zuckerrohr zurück. Krude deshalb, weil seine eigenen Behörden diese Produktion auf der Insel bereits vorbereitet hatten, nachdem kubanischer Zucker auf dem Weltmarkt immer weniger Abnehmer findet. Die Pläne, die lahme Wirtschaft auf diesem Sektor in Schwung zu bringen, sind damit erst einmal gescheitert. Ob Castros Busenfreund, Venezuelas Präsident Hugo Chávez, ihn zu dieser Politik gedrängt hat, ist nicht ganz sicher. Jedenfalls wettert Chavez überall gegen Bio-Treibstoff ? vermutlich aus Angst, sein venezolanisches Erdöl künftig schlechter verkaufen zu können.
Was kommt nach Castro?
Der angeschlagene Fidel Castro könnte noch einmal kommen. Er ist nur wenige Monate älter als der Papst, und es heißt, er wolle zu den nächsten Wahlen (die im Ein-Parteien-System natürlich keine demokratischen Wahlen sind) wieder antreten. Doch selbst im Falle des Endes seiner Regierung glaubt derzeit niemand an einen raschen Wandel auf Kuba. Drei Viertel der Bevölkerung sind nach der kommunistischen Revolution geboren. Sie kennen nichts anderes als die Regierungspropaganda. Es müsste wohl zu einer noch größeren Verarmung kommen, damit sich die Massen gegen die elitäre Clique an der Macht erheben.
CHRONIK
WICHTIGE DATEN DER GESCHICHTE
1492 - Christoph Kolumbus erreicht Kuba; bis 1898 - spanische Kolonie
ab 1868 ? Unabhängigkeitskampf
1898 - Spanien tritt Kuba an die Vereinigten Staaten ab
1902 - Unabhängigkeit
1952-58 - Diktatur unter Fulgencio Batista
02.12.1956 - Landung Castros in Ostkuba und Beginn des Guerillakriegs.
1.1.1959 - Flucht Batistas, Machtübernahme durch Castro
1960 - Entschädigungslose Enteignung von US-Vermögen
3.1.1961 -Abbruch der diplomatischen Beziehungen durch die USA
April 1961 -Invasion in der Schweinebucht; scheitert am 17. April
16.04.1961 ? Fidel Castro verkündet sozialistischen Charakter der Revolution
Anfang 1962 -Embargo gegen Kuba durch die USA
31.07.2006 - Erkrankung Fidel Fidel Castros und Übertragung seiner Funktionen auf seinen Bruder Raúl
DOKUMENTATION: KUBA IN ZAHLEN UND FAKTEN
Kuba ist die größte Insel der Großen Antillen. Hauptstadt ist Havanna.
Die Insel zwischen dem Golf von Mexiko und dem Karibischen Meer hat eine Größe von 110 860 Quadratkilometern (Deutschland: 357 000 qkm).
Rund elf Millionen Menschen leben auf Kuba. 65 Prozent sind Weiße, zehn Prozent Schwarze, 25 Prozent Mulatten und Mestizen. Als Hauptreligion gilt neben dem Katholizismus die Santeria, eine Mischreligion.














