"Götterdämmerung in der Karibik"


KUBA: Schwer krankem Fidel Castro entgleitet die Macht ? Über 300 politische Häftlinge im Gefängnis

Bruder Raúl führt das Regime weiter. Die Opposition informiert sich über Untergrund-Bibliotheken.

 

von Gunars Reichenbachs
Montag, 9. Juli 2007, Nordwest-Zeitung, Nr. 157, Seite 5

 

 

 

 

 

 

Gunars Reichenbachs, Nordwest-Zeitung, bei der Verleihung des IGFM-Medienpreises in Bonn am 19.04.2008.

Foto: © IGFM, Felix Seuffert

"Götterdämmerung in der Karibik", Gunars Reichenbachs, Nordwest-Zeitung, 09.07.2007. (PDF

FRANKFURT/HAVANNA. Wie lange hält der kubanische Revolutionsführer noch durch? Seit einem Jahr hat sich Fidel Castro nicht in die Öffentlichkeit getraut. Beim jüngsten Besuch von Nicaraguas Staatschef Daniel Ortega durften keine Bilder gemacht werden. Die letzten Aufnahmen zeigen einen ausgemergelten, von schweren Operationen gezeichneten 80-Jährigen. Die Krankheit wird wie ein Staatsgeheimnis behandelt. Die Macht liegt längst in den Händen von Bruder Raúl. Provisorisch, wie es offiziell heißt. Götterdämmerung unter Karibik-Palmen nach 48 Jahren Alleinherrschaft? Kommt das Ende für den "karibischen Stalinismus mit Personenkult", wie Kritiker sagen?

Martin Lessenthin von der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) in Frankfurt ist vorsichtig: "Auf Kuba kommt die dritte Generation aus der Schule, die nur ein diktatorisches Regime kennt". Kuba wird so regiert, als ob der Maximo Lider noch alle Fäden in der Hand halten würde. Die ergrauten Revolutionäre widersetzen sich jeder Veränderung. Dabei geht es den Menschen schlecht: die Energieversorgung eine Katastrophe, Geld, Medikamente und Lebensmittel knapp, die Wohnungen in miserablen Zuständen, der öffentliche Verkehr praktisch nicht vorhanden und die Prostitution eine Seuche. In den Touristenhochburgen und in Havanna versuchen selbst Akademikerinnen auf diese Weise ein paar Dollar oder Euro ("Hey, friend") zu verdienen.

Namhafte Dissidenten, die Castros Schwäche nutzen könnten, sind in Haft oder im Ausland. Konkurrenten wie der international erfahrene und höchst gewandte Parlamentspräsident Ricardo Alar-cón gehören zur Nomenklatura. Und die Masse schweigt, oft aus Angst, Erzfeind USA könnte Kuba überfallen.

Dennoch: "Es gibt durchaus eine selbstbewusste Opposition", betont Lessenthin. Allen wiederkehrenden Verhaftungswellen zum Trotz. Lessenthin: "Trotz aller Verbote ist diese einfach da. Man kann sie nicht wegleugnen. Informationen werden in rund 100 Untergrund-Bibliotheken ausgetauscht. Unabhängige Journalisten finden oft über das Internet Wege, Nachrichten zu verbreiten".

Eine höchst gefährliche Arbeit. Zurzeit sitzen nach Erkenntnissen der IGFM über 300 politische Gefangene im Gefängnis: "Es existiert keine Meinungs-, Religions-, Versammlungs- und Koalitionsfreiheit. Jeder, der sich auf die allgemeinen Menschenrechte beruft, wird verfolgt, Angehörige   in   Sippenhaft   genommen. Bis heute gibt es über hunderttausend Opfer von Menschenrechtsverletzungen, dazu über zehntausend, die in Haft saßen". Schläge, Schikanen, Misshandlungen, Dunkelhaft, Entzug von Medikamenten ? die Liste der Torturen dort fällt lang aus.

Die Justiz tastet die Einparteienherrschaft nicht an. "Richter und Staatsanwälte sind absolute Erfüllungsgehilfen", kritisiert Lessenthin. Urteile mit hohen Haftstrafen würden bereits bei lächerlichen Vergehen verhängt, der Besitz eines "falschen" Buches reicht. Besonders Ärzte, die die verheerenden Gesundheits-Verhältnisse beklagen, und Menschenrechtler geraten ins Visier. Wer kann, flieht. Begehrt sind deshalb Berufe wie Arzt, Künstler oder Sportler, die Auslandsreisen ermöglichen.

Drei Stützen halten die marode Diktatur: der Tourismus, die gigantischen Überweisungen von Auslandskubanern und Investitionen aus Venezuela mit dem dortigen Herrscher Chavez. Noch.

 

 

KUBA: EIN SCHWERPUNKT FÜR INTERNATIONALE GESELLSCHAFT FÜR MENSCHENRECHTE (IGFM)
Die IGFM wurde 1972 in Frankfurt gegründet. Die Nichtregierungsorganisation hat 3000 Mitglieder.
Weltweit ist die Menschenrechtsorganisation in 26 Sektionen unterteilt. Deutsche Mitglieder kümmern sich besonders um Länder wie Kuba, China oder Vietnam.
Auf Kuba gab es 1958 vor Castros Machtergreifung laut IGFM 14 Haftanstalten. Im Jahr 2004 waren es rund 200 Gefängnisse, darunter 45 Hochsicherheitsanlagen.
Rund 100 000 Häftlinge sitzen ein, davon über 300 politische Gefangene.
Der Tod des Menschenrechtlers Manuel Acosta Larena ist mysteriös. Er soll sich am 24. Juni in einer kubanischen Polizeistation aufgehängt haben.

 

 

CHRONIK
WICHTIGE DATEN DER GESCHICHTE
1492 - Christoph Kolumbus erreicht Kuba;
bis 1898 spanische Kolonie
ab 1868 - Unabhängigkeitskampf
1898 - Spanien tritt Kuba an die Vereinigten Staaten ab
1902 - Unabhängigkeit
1952-58 - Diktatur unter Fulgencio Batista
02.12.1956 -Landung Castros in Ostkuba und Beginn des Guerillakriegs.
1.1.1959 - Flucht Batistas, Machtübernahme durch Castro
1960 - Entschädigungslose Enteignung von US-Vermögen
3.1.1961 -Abbruch der diplomatischen Beziehungen durch die USA
April 1961 -Invasion in der Schweinebucht; scheitert am 17. April
16.04.1961 - Fidel Castro verkündet sozialistischen Charakter der Revolution
Anfang 1962 -Embargo gegen Kuba durch die USA
31.07.2006 - Erkrankung Fidel Fidel Castros und
Übertragung seiner Funktionen auf seinen Bruder Raúl

 


DOKUMENTATION: KUBA IN ZAHLEN UND FAKTEN
Kuba ist die größte Insel der Großen Antillen. Hauptstadt ist Havanna.
Die Insel zwischen dem Golf von Mexiko und dem Karibischen Meer hat eine Größe von 110 860 Quadratkilometern (Deutschland: 357 000 qkm).
Rund elf Millionen Menschen leben auf Kuba. 65 Prozent sind Weiße, zehn Prozent Schwarze, 25 Prozent Mulatten und Mestizen. Als Hauptreligion gilt neben dem Katholizismus die Santeria, eine Mischreligion.

 

 

 

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